Worte, die wirken

Unser Erleben wird maßgeblich davon bestimmt, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Daran knüpfen hypno- systemische Therapiekonzepte an. Diese boomen in der Beratungs- und Therapie-Szene und das aus gutem Grund: Sie aktivieren menschliche Selbstheilungskräfte und erlauben schnelle Veränderungen – auch bei scheinbar unlösbaren Prob lemen. Dabei weisen sie eine bemerkenswerte Nähe zu traditionellen Seelsorgeformen auf.
Pfarrer und Coach Jean-Otto Domanski stellt die Therapieform vor.

von Jean-Otto Domanski

„Hat das etwas mit Hypnose zu tun?“ Das werde ich oft gefragt, wenn deutlich wird, dass ich hypnosystemische Beratung anbiete. Die Antwort darauf lautet: Ja und Nein. Ja, weil hypnosystemische Seelsorge bewährte Vorgehensweisen aus der systemischen und der Hypnotherapie kombiniert. Der Begründer der modernen Hypnotherapie, der amerikanische Arzt und Psychiater Milton H. Erickson (1901–1980) war nicht nur ein außer gewöhnlicher Therapeut, er beeinflusste auch maßgeblich die entstehenden systemischen und lösungsorientierten Therapieverfahren und kann zu recht als Vater der modernen Kurzzeittherapie bezeichnet werden. Er nutzte Hypnose als Mittel für schnelle Veränderungen. Seine spektakulärsten Fälle zeichnen sich dadurch aus, dass er scheinbar unüberwindliche Probleme elegant und mit überraschend simplen und originellen Ideen auflöste.
Und Nein, weil viele Menschen bei dem Begriff „Hypnose“ zuerst an Show-Hypnose denken, an Menschen, die gegen ihren Willen auf einer Bühne seltsame Dinge tun. Viele Hypnose-Shows zeigen eindrücklich, wozu Hypnose in der Lage ist. Allerdings ist das Ziel dieser Shows, Menschen zu unterhalten – oft auf Kosten der Freiwilligen – und nicht, sie von Abhängigkeiten, Traumata, Allergien oder Schmerzen zu befreien. Diese Form der Hypnose ist für hypnosystemische Seelsorge fast immer kontraproduktiv.
Wie mächtig die menschliche Vorstellungskraft ist, wurde mir bereits zu Beginn meiner Hypnotherapie-Ausbildung deutlich. Ich fragte eine ältere Dame aus meiner Gemeinde, ob ich mit ihr arbeiten dürfe. Aufgrund ihrer chronischen Schmerzen ging sie in dieser Zeit nur noch selten aus dem Haus. Sie erzählte mir, dass sie im Alter von 12 Jahren am Knie operiert werden musste. Das Knie heilte falsch zusammen und musste erneut gebrochen werden. Insgesamt war sie mehrere Monate im Krankenhaus und ihr Knie kam nie wieder ganz in Ordnung.
Mit zunehmendem Alter kamen die Schmerzen. Sie war in orthopädischer Behandlung, galt aber als austherapiert.
Ich bat sie, sich zu entspannen und lud sie im Rahmen einer Fantasiereise ein, ihre Schmerzen in die Vergangenheit zu bringen. Dabei stellte sie sich unter meiner Anleitung einen Korb vor, in den sie all ihre Schmerzen und Symptome legte, um ihn dann in Gedanken in die Vergangenheit zu bringen und alle Schmerzen dort abzuladen, wo sie entstanden waren und hingehörten. Auf dem Rückweg sammelten wir alle Ressourcen, alles Stärkende und alle Liebe aus ihrer Vergangenheit ein und brachten sie mit in die Gegenwart. Diese Gedankenreise war für sie sehr bewegend und führte dazu, dass sie seit zehn Jahren keine Schmerzen mehr in ihrem Knie hat – auch wenn es natürlich nicht völlig gesund ist.
Nicht jede Hypnose hilft
Hypnosystemische Seelsorge aktiviert die in jedem Menschen angelegten körperlichen und seelischen Selbstheilungskräfte. Nicht jede Form von Hypnose ist so hilfreich. Hypnotische Prozesse können in eine destruktive Richtung führen. Menschen werden durch Propaganda und Werbung beeinflusst oder durch Kulte gefügig gemacht. Auch im Alltag sind wir ständig hypnotischen Botschaften ausgesetzt und produzieren diese selbst. Eltern „hypnotisieren“ ihre Kinder und Kinder ihre Eltern. Dasselbe passiert zwischen Ehepartnern oder Chefs und Mitarbeitern. Auch die Selbstgespräche, die wir führen, sind hochwirksame Selbsthypnose. Wir denken: „Die anderen können das besser“, „Ich hätte etwas anderes anziehen sollen“ oder im schlimmsten Fall: „Niemand liebt mich.“ Wir hypnotisieren uns gegenseitig durch den Alltag, meist ohne uns der Macht der Worte bewusst zu sein. Weil wir gar nicht anders können, als uns ständig zu beeinflussen, ist es so wichtig, sich selbst und andere in eine hilfreiche Richtung zu lenken.
Unser Erleben wird maßgeblich davon bestimmt, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten und wie wir eine Situation bewerten. Es ist eine Alltagserfahrung: Zwei Menschen erleben dieselbe Situation und bewerten sie ganz unterschiedlich. Das geschieht meist unwillkürlich, ohne unser bewusstes Zutun. Unser Gehirn wählt blitzschnell aus Millionen von Sinneseindrücken und Erinnerungen aus. Dabei kann es gravierende Auswirkungen haben, welche Bedeutung wir Dingen und Erlebnissen geben und welche Geschichten wir uns über unser Leben erzählen. Aus diesem Grund macht es auch einen so großen Unterschied, ob wir an einen strafenden oder einen barmherzigen Gott glauben – oder an gar keinen.
Das Ziel hypnosystemischer Seelsorge ist die konsequente Aktivierung körperlicher und seelischer Selbstheilungskräfte. Das geschieht durch eine Haltung, die Vertrauen, Wertschätzung, Hoffnung und Humor vermittelt. Und es wird erreicht durch den achtsamen Gebrauch von Sprache, von Formulierungen, Fragen, Implikationen, Geschichten und Metaphern, durch die Nutzung von Trancephänomenen und nonverbaler Kommunikation. All das hilft, die Aufmerksamkeit auf das gewünschte Erleben zu fokussieren. Und es ermöglicht verblüffende Erfolge, die an biblische Wunder geschichten denken lassen.
Viele Menschen begeben sich im Gottesdienst in eine Art leichter Trance
Liebe, Hoffnung, Lösungs- und Ressourcenorientierung, das Erzählen von heilsamen Geschichten, die Fokussierung auf die Wirklichkeit Gottes, die Arbeit mit Trancephänomenen und auch Heilungen sind dem christlichen Glauben nicht fremd. Sie machen einen wesent lichen Teil seiner Kraft aus.
Nach meiner Erfahrung sind hypnosystemische Konzepte besser als andere geeignet, die christliche Praxis zu verstehen und sie reflektiert anzuwenden. Grundlegende Äußerungen des christlichen Glaubens sind Formen der Aufmerksamkeitsfokussierung und zugleich Tranceinduktionen. Das gilt für die Liturgie des Gottesdienstes, für Gebete und manche Predigten sowie generell für das Erzählen biblischer Geschichten. Viele Menschen begeben sich automatisch in eine leichte Trance, wenn sie ihren Platz in der Kirchenbank einnehmen.
Dasselbe geschieht bei Gebeten. Gerade durch Gebete nach Seelsorgegesprächen wird nach meiner Erfahrung noch einmal ein neuer Wirklichkeitsraum geöffnet, der häufig mit Trancephänomenen wie einem veränderten Raum- und Zeiterleben einhergeht. Und wer einmal erlebt hat, welche Wirkung Geschichten im Leben von Menschen entfalten können, liest auch die Gleichnisse Jesu mit anderen Augen. Dasselbe gilt für die Heilungsgeschichten und Dämonenaustreibungen, von denen das Neue Testament berichtet.
Für mich ist das Faszinierende an hypnosystemischen Techniken neben ihrer Wirksamkeit die Tatsache, dass sie nahtlos anschlussfähig an eine kirchliche und seelsorger liche Praxis sind und zugleich ein tieferes Verständnis dafür bieten, was bei religiösen Erfahrungen auf der menschlichen Seite geschieht. Dabei sind für mich die heilsame Macht Gottes und ein strategisches therapeutisches Vorgehen zwei Seiten derselben Medaille, ohne dass je eins in dem anderen aufgehen würde.

Ab April 2021 bietet der Autor im Rahmen des Institut für Kultur und Religion mit Sitz an der Evangelischen Hochschule Berlin (InKuR e.V.) die erste hypnosystemische Seelsorgeausbildung in Berlin an. Nähere Infos unter:
https://akd-ekbo.de/kalender/hypnosystemische-seelsorge-ausbildung/
Ausbildung in Hypnosystemischer Seelsorge
Anmeldung: domanski@me.com
Telefon (030) 313 7504